Carrierwechsel ohne Downtime: So wechselst du den Internet-Provider ohne Betriebsausfall
Carrierwechsel ohne Downtime: So wechselst du den Internet-Provider ohne Betriebsausfall
„Wir wollen den Provider wechseln, aber wir können uns keine Ausfallzeit leisten." Das ist der häufigste Satz den wir hören wenn es um B2B-Internetleitungen geht. Die gute Nachricht: Ein Carrierwechsel muss keine Stunden des Bürostillstands bedeuten. Mit der richtigen Planung ist die Umschaltung in Minuten erledigt — nicht Tagen.
Warum Unternehmen den Provider wechseln
Die häufigsten Gründe:
- Preis: Bessere Konditionen bei vergleichbarer oder höherer Leistung
- Bandbreite: Wachsende Teams und Cloud-Nutzung erfordern mehr Kapazität
- SLA: Schlechtere Verfügbarkeitsgarantien beim aktuellen Anbieter
- Support: Reaktionszeiten und Kompetenz beim aktuellen Carrier unbefriedigend
- Glasfaser: Neues Glasfasernetz verfügbar, bisher nur DSL genutzt
Was beim Carrierwechsel schiefgehen kann
Ungeplante Downtimes entstehen fast immer durch einen dieser Fehler:
1. Falsche Kündigung
Alter Vertrag wird zu früh gekündigt — neue Leitung ist noch nicht aktiv. Ergebnis: Tage ohne Internet.
2. IP-Adressen nicht bedacht
Das Unternehmen nutzt feste IP-Adressen (für VPN, Mailserver, Whitelist bei Kunden). Neue Leitung, neue IPs. Wer das nicht vorbereitet, steht vor gesperrten VPN-Zugängen und gebounced E-Mails.
3. Firewall-Konfiguration
Die Firewall ist auf die alte Leitung konfiguriert. Neue Leitung, neues Gateway, neue Routing-Tabellen — ohne Vorbereitung fließt nach der Umschaltung kein Traffic.
4. Kein Fallback
Wenn die neue Leitung beim Go-Live Probleme hat, gibt es keinen Plan B. Die alte Leitung ist bereits gekündigt.
Der richtige Ablauf
Phase 1: Planung (4–6 Wochen vor Umschaltung)
Bestandsaufnahme:
- Aktuelle Bandbreite und tatsächliche Auslastung messen
- Feste IP-Adressen dokumentieren: Wo werden sie genutzt? VPN, Mailserver, Firewall-Whitelist bei Kunden?
- Aktuelle Firewall-Konfiguration dokumentieren (Gateway, DNS, Routing)
- Vertragslaufzeit des alten Carriers prüfen
Neue Leitung beauftragen:
- Aktivierungstermin möglichst weit vor Kündigungstermin der alten Leitung
- Bei Glasfaser: Hauseinführung klären, ggf. Tiefbauarbeiten einplanen
- Feste IP-Adressen beim neuen Carrier reservieren (bei 1&1 Versatel auf Anfrage möglich)
Phase 2: Vorbereitung (1 Woche vor Umschaltung)
Firewall vorbereiten:
Die neue Konfiguration im Voraus erstellen — als Backup-Config, nicht live schalten. Das dauert 30–60 Minuten, nicht 3 Stunden unter Zeitdruck.
# Beispiel: aktuelle Firewall-Config sichern (Palo Alto)
scp admin@firewall:/running-config.xml backup-$(date +%Y%m%d).xml
DNS TTL reduzieren:
Falls Dienste über DNS erreichbar sind (Mailserver, VPN-Hostname), TTL bereits eine Woche vorher auf 300 Sekunden (5 Minuten) reduzieren. Nach der Umschaltung propagiert die neue IP dann in Minuten statt Stunden.
Whitelists bei Kunden und Partnern updaten:
Wenn Kunden oder Partner deine IP-Adresse in ihrer Firewall whitelisten, müssen sie die neue IP kennen. Frühzeitig kommunizieren.
Phase 3: Umschaltung
Der eigentliche Wechsel ist bei guter Vorbereitung schnell:
- Neue Leitung liegt am Router/Firewall an (Techniker vor Ort oder selbst)
- Firewall-Config umschalten (vorbereitete Konfiguration aktivieren)
- Test: Internet erreichbar? VPN funktioniert? Interne Dienste erreichbar?
- DNS-Einträge aktualisieren (TTL ist bereits niedrig)
- Alter Anschluss bleibt noch 2–4 Wochen als Fallback aktiv
Realistische Downtime bei guter Planung: unter 10 Minuten.
Das ist die Zeit für das physische Umstecken und den Firewall-Config-Wechsel.
Phase 4: Nachbereitung
- VPN-Verbindungen testen (alle Standorte, alle Remote-Mitarbeiter)
- Mailserver-Logs prüfen (keine Bounces wegen IP-Reputation?)
- Monitoring anpassen (neue IPs in Alerting eintragen)
- Alten Vertrag kündigen (erst wenn alles läuft!)
- DNS-TTL wieder auf normale Werte erhöhen
Besonderheit: Glasfaser-Erstinstallation
Bei einer Glasfaser-Erstinstallation (bisher nur DSL oder CATV) kommt ein Techniker des Carriers zur Hauseinführung. Das muss geplant werden:
- Hauseinführungspunkt klären (wo kommt die Leitung ins Gebäude?)
- Patch-Panel oder Glasfaser-Abschlusspunkt im Serverraum
- Übergabegerät (ONT/ONU) benötigt Strom und LAN-Anschluss zur Firewall
Hier ist Vorlaufzeit besonders wichtig — Termine für Glasfaser-Installationen in deutschen Städten sind oft 4–8 Wochen im Voraus zu buchen.
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